von Markus Zimmermann (Kommentare: 1)

Planinsolvenz

Wenn ein Unternehmen einen gesunden Kern hat und dennoch – aus welchen Gründen auch immer – in tiefen, finanziellen Schwierigkeiten steckt, kann ein Planinsolvenzverfahren ein Ausweg sein.

Bis Ende der 1990er-Jahre hat in Deutschland das alte Konkursrecht gegolten. War ein Unternehmen nicht mehr in der Lage seine Verpflichtungen zu erfüllen, wurde es in aller Regel abgewickelt. Die Mitarbeiter wurden entlassen, die Vermögensgegenstände verwertet und der Verwertungserlös quotal auf die Gläubiger verteilt.

Man hat dann erkannt, dass auf diese Weise auch Unternehmen und damit Arbeitsplätze zerstört werden, die im Einzelfall durchaus einen gesunden Kern, also ein grundsätzlich tragfähiges Geschäftsmodell haben. Also wurde das Konkursrecht durch das Insolvenzrecht ersetzt. Von da an haben Insolvenzverwalter, meist Rechtsanwälte, versucht den Geschäftsbetrieb, also den gesunden Kern des insolventen Unternehmens zu verkaufen. Auf diese Weise ist es oft gelungen Unternehmen und die damit verbundenen Arbeitsplätze unter neuer Flagge zu erhalten.

Die betroffenen Unternehmer gingen bei dieser übertragenden Sanierung meist über Bord. Dies hat dazu geführt, dass Unternehmer in Krisensituationen mit aller Macht gegen die Insolvenz angekämpft haben und meist viel zu spät einen entsprechenden Antrag gestellt haben. Nun weiß man aus empirischen Studien, dass eine Sanierung mit viel höherer Wahrscheinlichkeit gelingt, wenn früh einschneidende Sanierungsmaßnahmen ergriffen werden.

Auf diesen Zusammenhang hat der Gesetzgeber 2012 erneut reagiert und das Insolvenzrecht umfassend erneuert. Seither sind sogenannte Eigenverwaltungen auch in der Praxis kleinerer Unternehmen möglich und üblich.

Eigenverwaltung bedeutet vereinfacht, dass der Schuldner unter Aufsicht einer gerichtlich bestellten Person die Insolvenzmasse selbst verwalten, also sein Unternehmen selbst sanieren darf und dabei dennoch den Schutz der Insolvenzordnung genießt.

Abgeschlossen wird ein solches Verfahren durch einen sogenannten Insolvenzplan. Dieser Schuldenbereinigungsplan regelt die Quoten und die Zeiträume, über die die Gläubiger Ihre Forderungen teilweise befriedigt bekommen.

Planinsolvenz

Die Ausgangssituation

Der heutige Beitrag beschreibt ein Unternehmen, das im größeren Stil mit handwerklichen Produktionstechniken Lebensmittel herstellt und vertreibt. Der Betrieb verkauft seine Produkte einerseits an große Wiederverkäufer und andererseits über eigene Filialen direkt an den Endkunden.

Die Krisensituation ist durch ein unkontrolliertes Wachstum entstanden. Es wurden immer neue Filialen eröffnet. Da die Erträge jedoch nicht mit dem Umsatz mitgewachsen sind, hatte das Unternehmen keine Innenfinanzierungskraft. Die Expansion wurde fast ausschließlich mit Fremdmitteln betrieben. Diese Fremdmittel wurden jedoch nicht in Form von fristenkongruenten (langfrisitigen) Bankkrediten dargestellt, sondern durch teure Leasingverträge mit hohen Anzahlungen, hohen Raten und schließlich hohen Abschlusszahlungen.

Die Organisation des Betriebes ist in der Phase des wilden, ungezügelten Wachstums nicht mitgewachsen. Es entstanden hohe Reibungsverluste. Obwohl der Umsatz Jahr für Jahr gestiegen war, haben die Gewinne bestenfalls stagniert. Dem Unternehmen wurde dann von Außen – vollkommen zu recht – ein Konsolidierungskurs aufgezwängt. Aufgrund der schlechter werdenden Krediturteile gab es keine neuen Kredit- und Leasingverträge. Der Betrieb wurde, aufgrund der schwachen Gewinne, in dieser Phase von seinen eingegangenen Finanzverpflichtungen förmlich erdrückt.

Nach intensiven Analysen sind wir zu dem Schluss gekommen, dass der Betrieb in einer deutlich reduzierten Form durchaus profitabel weitergeführt werden könnte. Aus dieser Situation ist die Idee eines Planinsolvenzverfahrens – eines der ersten im Allgäu – entstanden. Wir haben das Unternehmen dann als sogenannte sanierungserfahrene Personen durch das gesamte Verfahren begleitet.

Die Probleme

Von der Idee bis zur Umsetzung war es damals ein weiter Weg - bevor dann alles ganz schnell gegangen ist. Es hat im Allgäu damals – zumindest für kleine Unternehmensformen – keine wirklichen Erfahrungen gegeben.

  • Die Hausbank hatte die Betriebsimmobilie als Sicherheit. Wenn die Bank also, wie jahrzehntelang in Insolvenzverfahren total üblich, auf (teilweise) Ablöse der Kredite oder Verwertung der Sicherheiten bestanden hätte, wäre es schwer geworden. Wir mussten die Bank also davon überzeugen einerseits auf Teile ihrer ungesicherten Forderungen zu verzichten, andererseits die gesicherten Forderungen über das Insolvenzverfahren hinaus zur Verfügung zu stellen. Das war damals ein Novum.
  • Was für die Bank gilt, gilt für andere Gläubiger sehr ähnlich. Die Sanierung in Eigenverwaltung mit anschließender Fortführung des Betriebes mag für den Unternehmer eine angenehmere Perspektive sein. Die Gläubiger und auch die Kunden des Unternehmens mussten jedoch überzeugt werden, dass es trotz der anstehenden Verluste sinnvoll ist weiterhin mit dem Betrieb zusammenzuarbeiten. Ein Lieferant zum Beispiel, der hohe Summen verliert, kann da durchaus auch zu einem anderen Schluss kommen.
  • Eine wirkliche, von Außen nicht sichtbare Hürde, war die Finanzierung des Insolvenzausfallgeldes. Ein solches Verfahren gelingt nur, wenn die Mitarbeiter pünktlich bezahlt werden. Dies wiederum gelingt nur, wenn die Insolvenzgeldphase zwischenfinanziert werden kann. Die Banken, die sich an die Insolvenzgeldfinanzierung in einer Eigenverwaltung herangetraut haben, waren damals rar. Nach sehr intensivem Suchen hat eine große Bank in Nordrhein-Westfalen dann zugesagt.
  • Die Betriebsimmobilie steht seit Jahrzehnten auf einem Erbbaugrundstück. Das Grundstück ist in dieser Zeit sehr viel attraktiver geworden. Der Erbbaurechtsvertrag sieht den Heimfall für den Fall der Eröffnung eines Insolvenzverfahrens vor. Es musste demnach auch bei den Eigentümern Überzeugungsarbeit geleistet werden.

Im Nachhinein war die Lösung all dieser Probleme eine unserer schönsten beruflichen Erfahrungen. Obwohl die Rechtsfragen wirklich komplex sind, konnte und musste alles im Dialog und ohne Streit geklärt werden. Dies ist gelungen. Natürlich muss ein solcher Fall schon allein deshalb durch spezialisierte Anwälte begleitet werden, weil wir das juristische Know-How schlicht nicht haben. Die Anwälte haben aber nur den rechtlichen Rahmen abgesteckt, innerhalb dem wir die unternehmerischen Lösungen verhandeln konnten.

Die Lösungen

Die betriebswirtschaftliche Sanierung war einfach. Die Fehlentwicklungen waren offensichtlich. Aus den Analysen wussten wir an welchen Stellen Geld zu verdienen war. Insofern ging es darum das Unternehmen auf diesen gesunden Kern zu reduzieren.

  • Das Unternehmen hatte ursprünglich mehr als 10 Filialen, die teilweise recht weit vom Stammsitz entfernt waren. Die umsatzstarken Filialen haben wir im Insolvenzverfahren zu einem sehr guten Preis verkauft. Wenige schwächere Filialen mussten geschlossen werden. Im Insolvenzverfahren hat das Schuldnerunternehmen die Möglichkeit Miet- und Pachtverträge mit kurzen Fristen zu kündigen.
  • Indem die Zahl der Filialen dramatisch reduziert wurde, hat sich das Geschäft gewollt und ganz automatisch auf das Geschäft mit den Wiederverkäufern konzentriert. Dadurch hat sich die innerbetriebliche Organisation dramatisch vereinfacht.
  • Die bislang selbst betriebene Transportlogistik wurde an externe Dienstleister ausgelagert.
  • Die administrativen Abläufe sowie das Rechnungswesen wurden signifikant verbessert.
  • Alle Beteiligten sind bis heute stolz darauf, dass sich die Einschnitte im Personalbereich sehr in Grenzen gehalten haben. Einige Mitarbeiter konnten nicht mit der Unsicherheit leben und haben gekündigt. Ein anderer Teil ist bei den Filialverkäufen und der Auslagerung der Logistik mit auf die neuen Arbeitgeber übergegangen. Insofern waren letztlich so gut wie keine Kündigungen auszusprechen.

Die gesamte Sanierung hat nur gute fünf Monate gedauert und wurde mit Vorlage und Annahme eines Insolvenzplanes beendet. Unser Insolvenzplan hat vorgesehen, dass das Unternehmen, die im Insolvenzverfahren erwirtschaftete Masse ratierlich über ungefähr zwei Jahre an die Gläubiger auszahlt.

Planinsolvenz

Das Ergebnis

Die Sanierung hätte aufgrund der umfangreichen vertraglichen Pflichten unseres Erachtens ohne den Schutz des Insolvenzrechtes in der Geschwindigkeit nie funktionieren können. Die zu sortierenden vertraglichen Verpflichtungen waren viel zu umfangreich.

Das Unternehmen hat seit dem „Insolvenzjahr“ jedes Jahr gute Ergebnisse erwirtschaftet. Man ist kapitaldienstfähig und kann aus dem Cash-Flow sogar noch die ein oder andere Investition selbst stemmen. Während des Insolvenverfahrens wurde mit den Filialen massiv Umsatz verkauft. Der reduzierte Betrieb ist auf bestem Wege die alten Umsätze mit dem neuen Geschäftsmodell zu erreichen. Das Unternehmen plant eine größere Investition in neue Produkte. Die Hausbank, die viel Geld verloren hat, signalisiert Bereitschaft über das Investitionskonzept und die benötigten Fremdmittel zu verhandeln.

Die Erfahrungen

Wir haben seit diesem Fall jedes Jahr ein Planinsolvenzverfahren begleitet. Dass es immer ein Verfahren pro Jahr ist, hat sicherlich auch Kapazitätsgründe. Viel entscheidender ist jedoch, dass wir ein solches Insolvenzverfahren nicht als „Beratungsprodukt“ sehen und nie als solches sehen werden. Deshalb werben wir auch nicht damit, dass wir solche Verfahren schon erfolgreich begleitet haben.
Aus Sicht des Schuldners ist jede Insolvenz eine Zäsur. Der Makel einmal pleite gegangen zu sein, haftet einem Unternehmer ewig an. Da kann er hinterher so viele wirtschaftliche Erfolge haben, wie er will. Auch sind die Risiken zu Beginn eines Verfahrens nie ganz exakt einzuschätzen. Es gibt keine Garantie, dass das gewünschte Ziel, ein saniertes Unternehmen, erreicht wird. Das Gelingen eines Insolvenzverfahrens ist von vielen Faktoren und Willenserklärungen, die außerhalb der Kontrolle des Unternehmens liegen, abhängig. Solange es – und sei es eine noch so kleine - Hoffnung gibt ein Unternehmen außergerichtlich, also ohne Insolvenz zu sanieren, sollte dies unbedingt versucht werden.

Aus Sicht des Gläubigers ist ein Insolvenzverfahren, vielleicht nicht juristisch, aber wirtschaftlich, schlicht eine Enteignung. Der Gläubiger hat eine Leistung erbracht, die er letztlich nicht voll bezahlt bekommt. Das ist ein so weitgehender Eingriff in die Eigentumsrechte, dass sich jeder Zynismus verbietet. Immer wieder geraten Lieferantenunternehmen in Schwierigkeiten, wenn ihre Kunden in Insolvenz gehen. Als Gläubiger hat man darauf jedoch keinen Einfluss. Wenn es also passiert, würde ich als Gläubiger die Eigenverwaltung mit abschließendem Insolvenzplan bevorzugen, weil ich dort mehr Einfluss auf das Verfahren und in der Regel ordentliche Quoten vermuten würde.


Für uns als Berater leiten sich daraus zwei Bedingungen ab, die beide erfüllt sein müssen, damit wir eine Planinsolvenz begleiten:

  • Das Unternehmen muss einen gesunden Kern haben. Das Geschäftsmodell muss zukunftsfähig sein. Es funktioniert nur, wenn der Betrieb wirklich sanierungswürdig und sanierungsfähig ist und
  • der Unternehmer muss geeignet sein. Er braucht unternehmerische Fähigkeiten, sollte Mitarbeiter führen können und verhandlungssicher sein. Vor allen Dingen jedoch sollte er aus den Fehlern, die in die Insolvenz führten, gelernt haben. Man braucht Demut vor der Aufgabe und sollte wirklich zu allen notwendigen Veränderungen bereit sein.

Durch die Verfahren, die wir begleitet haben, melden sich immer wieder Unternehmer, die sich durch ein Planverfahren sanieren wollen. 80 % haben keine Vorstellung, was es bedeutet diesen Prozess nachhaltig einzuleiten. Die denken nur „super, da werde ich meine Schulden los und dann geht alles so weiter“. Es gehört zu unseren Prinzipien solche Aufträge nicht anzunehmen. Das Schlimme jedoch ist, die finden jemanden, der ein solches Verfahren schlicht als Beratungsprodukt verkauft und sich nicht für das Danach interessiert.

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1 Kommentar/e

Kommentar von MR

Wir waren selbst schon einige Male als Gläubiger bei Verfahren mit Eigenverwaltung betroffen. Leider sind wir meist komplett leer ausgegangen.
Für Gläubiger ist das die Wahl zwischen Pest und Kloera! Wenn es dann trotzdem hin und wieder klappt Unternehmen zu sanieren, um so besser.

Antwort von mareco

Lieber MR, vielen Dank für Ihren Beitrag. Ich kann Ihren Frust als Gläubiger wirklich verstehen. Ein Insolvenzverfahren hat etwas Enteignendes. Wir haben jedoch wirklich die Erfahrung gemacht, dass ein Planverfahren zu ordentlichen Quoten führt. Irgendwie müssen die Gläubiger ja zur Mitwirkung motiviert werden.