von Markus Zimmermann (Kommentare: 0)

Loslassen können!

Unternehmer sind häufig auch emotional stark mit ihrem Unternehmen verbunden. Der Betrieb bestimmt den Takt des Lebens des Unternehmers über viele Jahre hinweg. Gedanken an das Ende der eigenen Unternehmerschaft finden da oft keinen Raum. Ein Fehler!

Ich möchte Ihnen heute von zwei verschiedenen Unternehmern berichten, die trotz fortgeschrittenen Alters nicht aufhören wollten und das obwohl beide eine realistische Chance hatten, geregelt und sogar innerhalb der Familie zu übergeben.

Los lassen können

Die Ausgangssituation

Der eine Unternehmer hat in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Ladengeschäft von einem fremden Dritten übernommen. Ironischerweise hat der damalige Verkäufer die Zeichen der Zeit erkannt und rechtzeitig an „unseren“ Unternehmer verkauft. Der Übernehmer hat den gut gehenden Betrieb dann mit viel Einsatz und Geschick über zwei Jahrzehnte wirtschaftlich durchaus erfolgreich geführt. Mitte der Nullerjahre hat man das Unternehmen dann angeblich aus steuerlichen Gründen an die Tochter übergeben.

Der andere Unternehmer stammt aus einer Selbstständigenfamilie. Nachdem er in der eigenen Familie keine Chance gesehen hat, das Unternehmen zu bekommen hat er sich in der gleichen Branche, 100 km vom Familienunternehmen entfernt selbstständig gemacht. Der Mann hatte alles, was ein erfolgreicher Unternehmer braucht. Er hat dann auch aus dem Nichts in einer schwierigen Branche eine Art Vorzeigebetrieb geschaffen. Allerdings hat er sich bis zuletzt, auch im Alter von über 70 Jahren, geweigert seine Nachfolge zu regeln.
Beiden gemeinsam ist also die Tatsache, dass sie die Übergabe nicht geschafft haben.

Die Probleme

Die ursächlichen Probleme in beiden Fällen ähneln sich, wie eineiige Zwillinge.

  • In beiden Fällen hat sich der Markt rasant verändert. Im einen Fall hat sich der Kundengeschmack ganz einfach von den angebotenen Produkten weg entwickelt. Im anderen Fall haben sich die Rahmenbedingungen zuerst durch die Globalisierung, dann durch die Digitalisierung rasend schnell verändert. Beide Unternehmer haben diese schnellen Entwicklungen negiert. Sie haben die jeweilige Problematik als Modeerscheinung abgetan, die schon wieder vergehen wird. Man hatte ja schließlich schon so viel erlebt, so viel kommen und gehen sehen.
  • Beide Familien haben durchaus begabte Kinder, die auch Interesse am Geschäft hatten. Im ersten Fall wurde, aufgrund der Altersreihenfolge, diejenige Tochter gewählt, die zwar fachlich geeignet ist, aber ganz offensichtlich nicht über die unternehmerischen Fähigkeiten verfügt. Die Tochter war zum Zeitpunkt der misslungenen Übergabe bereits 48 Jahre alt. Der andere Unternehmer hat mit der Übergabe solange gewartet bis sein intelligenter und auch fähiger Sohn schlicht keine Lust mehr hatte. Das ist eigentlich unglaublich. Der Mann war da bereits Ende 60 seit mehr als 45 Jahren im Geschäft – und hat sich als junger Mann wegen Perspektivlosigkeit von seiner Familie getrennt.
  • Beide Unternehmer haben es in den letzten 10 vielleicht 15 Jahren ihrer Unternehmerschaft nicht mehr geschafft ihre Leistungserstellungsprozesse im Griff zu behalten. Man hat es halt gemacht, wie man es immer gemacht hat. IT wurde als Teufelszeug betrachtet. In einem der beiden Betriebe gibt es – ohne Übertreibung – bis heute keinen einzigen PC. In der Folge sind die Personalaufwandsquoten in beiden Fällen ins Uferlose gestiegen. Transparentes Zahlenwerk? Natürlich Fehlanzeige!
  • Einer der beiden Unternehmer hat – mit Ende 60 – eine neue, gegen jeden Rat viel zu große Betriebsimmobilie gebaut und dafür fast sein ganzes Vermögen eingesetzt. Ich schätze Sie ahnen, dass diese Immobilie heute nicht mehr im Eigentum des Unternehmers ist. Aber dazu später mehr.
  • Beide Unternehmer haben über Jahrzehnte wirklich mehr oder weniger sieben Tage die Woche und zwar deutlich mehr als 8 Stunden am Tag für ihr Unternehmen gelebt. Beide haben keine Hobbys und außerhalb der geschäftlichen Sphäre und engstem Familienkreis kaum soziale Kontakte. Beide Ehefrauen waren im Betrieb engagiert und haben diese Art zu leben vorbehaltlos unterstützt.

Die Parallelen der ursächlichen Probleme sind frappierend. Das Beste aber ist: Wir könnten in diese Geschichte auch fünf weitere Betriebe und Familien einbeziehen. Die Ähnlichkeiten wären nicht weniger groß. Dahinter steckt ein Muster, wenn nicht sogar eine Art wirtschaftliche Gesetzmäßigkeit.

Die Lösungen

Es gibt keine einfachen Lösungen! Des Menschen Willen ist sein Himmelreich. Beide Fälle sind schlimm für den jeweiligen Unternehmer und seine Familie ausgegangen. In beiden Fällen waren die sich abspielenden Dramen überflüssig wie ein Kropf. Die zwei haben, jeder für sich, gute und wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmen aufgebaut – und am Ende wieder vernichtet.

Die Ergebnisse

Das Resultat der beiden beschriebenen „Nicht-Übergaben“ oder „Zu-spät-Übergaben“ ist verheerend. In beiden Fällen sind die Unternehmerfamilien und auch die Unternehmen kaputt.

Das eine Unternehmen wurde zwar von einem Wettbewerber samt der schönen, neuen Immobilie gekauft. Der erlöste Preis war für den Unternehmer jedoch so schlecht, dass er all sein restliches Vermögen veräußern musste, um die Schulden zu decken. Er lebt heute mit seiner Frau in einer 3-Zimmer-Mietwohnung, hat kaum Rentenansprüche, muss aber irgendwie seine private Krankenversicherung bezahlen. Obwohl das alles schrecklich und nicht nachahmenswert ist. Ich bewundere ihn. Er führt sein Leben mit großer Würde und ohne Verbitterung.

Auch das andere Unternehmen gibt es in dieser Form nicht mehr. Der Großteil des Betriebes wurde liquidiert. Ein kleiner Teil wird von der Tochter weitergeführt. Die finanziellen Auswirkungen waren hier nicht ganz so dramatisch. Die Senioren haben ein gutes Auskommen. Allerdings sind persönliche Verwerfungen entstanden, die von außen betrachtet nur schwer zu reparieren sein dürften.

Die Erfahrungen

Ich habe keinerlei Kompetenz in psychologischen Fragen. In unserem Beruf mischen sich betriebswirtschaftliche und menschliche Themen jedoch unweigerlich. Ich will deshalb mal versuchen meine Erfahrungen und Beobachtungen aus meiner Beratertätigkeit zu formulieren.

  • Erfolgreiche Unternehmer haben oft wunderbare Fähigkeiten. Kreativität, technisches und finanzielles Verständnis, Durchsetzungs- und Überzeugungskraft, Organisationstalent und vieles mehr. Manche von ihnen leiden aber auch unter ihrem Geltungsbedürfnis. Die Furcht Ansehen, Einfluss, Beziehungen – nennen wir es gebündelt einfach „Wichtigkeit“ - zu verlieren, überwiegt die meist durchaus vorhandene Erkenntnis, dass es am Ende der eigenen Unternehmerschaft um den Betrieb und seinen Nachfolger und nicht um die Person des übergebenden Unternehmers gehen sollte.
  • Manche ältere Unternehmer haben über diese weichen Verlustängste hinaus auch schlicht keine Lust sich von den – oft nur scheinbar vorhandenen – Fleischtöpfen zu trennen. Man ist daran gewohnt mit großen Summen zu hantieren, Man hat sich einen Lebensstil angewöhnt, der durch eine Übergabe bedroht werden könnte.
  • Ein großes Problem, das uns immer wieder begegnet, ist die „Hobbylosigkeit“. Natürlich ist es für den wirtschaftlichen Erfolg notwendig dem Betrieb auch zeitlich die notwendige Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen. Manche Unternehmer fokussieren jedoch ihr ganzes Leben ausschließlich auf den Betrieb. Wenn dieser Betrieb dann nicht mehr da ist, fallen sie in ein großes Loch. Manche von ihnen spüren genau das und übergeben deshalb nicht.

Los lassen können

Sinnvolle Ansätze sind also nicht in der Betriebswirtschaft zu finden. Sie hängen an den Beteiligten Menschen. Es geht um die Kunst sich nicht so wichtig zu nehmen, nicht zu sehr an materiellen Dingen zu kleben und dem Leben nach dem Betrieb einen neuen Sinn zu geben.

Soweit für heute. Schön, dass Sie hier angekommen sind. Wenn Ihnen der Beitrag gefallen hat, würden wir uns freuen, wenn sie ihn in den sozialen Medien teilen oder per Mail an Kollegen und Freunde schicken. Nutzen Sie auch – selbstverständlich anonym - unsere Kommentarfunktion. Wir freuen uns sehr über Ihre Rückmeldungen und Fragen.

Zurück | Kommentieren | Teilen

0 Kommentar/e